Die legendäre Musikkneipe Blue Shell wird im Mai stolze 30 Jahre alt und ab August zu einem "echten" Club. PRINZ traf sich auf eine Crêpe, Mineralwasser und ein paar Anekdoten mit Betreiber Rolf Kistenich.
Stephan Fengler
Erst in den letzten Jahren etablierte Rolf Kistenich ein kontinuierliches Liveprogramm, um das Blue Shell wieder nach vorne zu bringen.
Wir hatten uns ein paar Wochen nicht gesehen, und als Rolf Kistenich vor dem Engelbät auf mich zukommt, muss ich zweimal hinschauen: Der Mann wirkt geradezu aufgeräumt und gar nicht so ungesund, wie man es vom Gastronomen eines "Punkschuppens" erwarten könnte. Und dann auch das noch: Wir bestellen kein Kölsch zum Mittagessen, so gut es zu den ersten Sonnenstrahlen im April passen würde. "Ich mache seit September eine Alkoholpause, für wenigstens ein Jahr; ich will mich fithalten für das, was im August auf mich zukommt!" Dann öffnet sein Blue Shell nach 30 Jahren Existenz als Musikkneipe neu - als Club und Bar. "Das war ja ein schleichender Prozess über die letzten Jahre, als wir immer mehr Konzerte machten. Irgendwann haben wir den Billardtisch rausgenommen und eine Bühne fest installiert. Jetzt fehlt nur noch ein amtlicher Backstageraum." Kein unbedeutender Schritt in der Geschichte des legendären Ladens, der schon in seinen Anfangstagen 1979 für Furore sorgte: Alles schimmerte blau und im Neonlicht, der Fußboden mit dem Schachbrettmuster ist bis heute einzigartig . Schnell wurde die Kneipe mit dem Muschel-Logo zum Treffpunkt der Kölner Punkszene. Die Mythen und Geschichten um Schlägereien zwischen Rockern, Punks und Teds erzählen sich einige Originale bis heute gerne.
Rolf Kistenich war - mit langer Mähne - damals selbst das erste Mal vor Ort: "Da flogen schon um 20 Uhr die Bauhaus-Stühle durch die Luft und Punks tanzten auf den Flippern." Dazu legte DJ Laszlo, heute noch als Basswerk- Macher "Cheetah" tätig, irren ungehörten Kram auf. "Ich kam vom Dorf und hatte Schiss, denn sowas hatte ich bis dato nur im Fernsehen gesehen", erinnert sich Kistenich. Schon damals stiegen die ersten Konzerte im Blue Shell: Ted Herold feierte bei den Teds ein Comeback, später kamen legendäre Namen wie die Mekons oder gar Blur hinzu. Aber erst in den letzten Jahren etablierte Rolf Kistenich ein kontinuierliches Liveprogramm, um den Laden wieder nach vorne zu bringen. Genau der richtige Schritt, denn um die Jahrhundertwende glich das Shell "eher einer Bahnhofskneipe in Castrop-Rauxel", wie Kistenich selbst zugibt. Seit er 2003 alleiniger Betreiber wurde, geht es wieder aufwärts an der Luxemburger Straße. Schade nur, dass der musikalische Freigeist, der Wire genauso liebt wie Public Enemy oder die Ting Tings, als Besitzer nur noch selten auflegt - wo er doch selbst1986 als DJ im Shell anfing. "Vielleicht wird das ja wieder anders, wenn wir im August neu eröffnen", sagt er und schneidet genüsslich in seine Crêpe "Jürgen".
Redaktionsleiter Martin Steuer hat in den neunziger Jahren drei Jahre lang im Haus über dem Blue Shell gewohnt. Mit Rolf Kistenich war er Mittagessen im: Engelbät, Engelbertstr. 7, Neustadt-Süd, Tel. 24 69 14, tgl. 11-24 Uhr, NR, engelbaet.de
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