Was macht ihr gerade?
Das Facebook-Experiment
Bei Facebook können wir herausfinden, wie die Freundinnen unserer Ex-Freunde aussehen, oder uns eine virtuelle Tortenschlacht liefern. Dabei vergessen wir oft, was um uns herum passiert. PRINZ-Autorin Aileen Tiedemann ist bei ihren Nachbarn vorstellig geworden, um sich ein Netzwerk im eigenen Haus aufzubauen - mit Facebook-Methoden.
Es sind 62 elektronische Freunde, die ich bei Facebook habe. Manche habe ich seit Jahren nicht gesehen, andere treffe ich regelmäßig auch außerhalb des Internets. Schalte ich meinen Computer ein, sind sie alle auf einmal da. Natalia in Brüssel hat heute bei "Was machst du gerade?" "Ich will nie wieder Alkohol trinken" eingetippt, Daniel war am Wochenende am Amazonas Piranhas fischen, und Jan hat in dem Quiz "Welcher alkoholkranke Star bist du?" herausgefunden, dass er so viel Schnaps verträgt wie Boris Jelzin. Ich komme mir vor wie auf einer Stehparty, bei der ich mir häppchenweise News über meine Freunde auf den Teller lade. Auch von flüchtigen Bekannten erfahre ich mehr, als die mir je auf der Straße erzählen würden. Welches Ergebnis sie beim IQ-Test erreicht haben, dass sie keine Kinder haben möchten oder bisexuell sind.
Klappe ich mein Notebook zu, kommt es mir in meiner Wohnung eigenartig still vor. Alles, was ich jetzt noch von meiner Außenwelt mitbekomme, ist das schreiende Baby meiner Nachbarn. Warum weiß ich eigentlich so wenig über die Menschen, mit denen ich Wand an Wand lebe? Wäre es nicht mal an der Zeit, ein bisschen Social Networking im Treppenhaus zu betreiben, statt meine Aufmerksamkeit virtuell zu verplempern? Ich verlasse meine Wohnung und merke: Klingeln kostet mehr Überwindung als Klicken. Man muss sich vorher Gedanken über seine Frisur machen und kann nicht einfach ein hübsches Bild von sich hochladen. Sollte mein "FriendRequest" abgelehnt werden, würde ich das hautnah erleben.
Video-Tipp: "Facebook in reality"
Aus der Wohnung im vierten Stock dröhnt laut "I Say A Little Prayer" von Aretha Franklin. Ich gehe hinauf und drücke auf die Klingel. "Du willst dich sicher über die Musik beschweren", sagt meine Nachbarin, als sie die Tür öffnet. Als ich entgegne, dass ich sie einfach nur besser kennen lernen möchte, bittet sie mich sofort in ihre Küche. Neun Jahre lang wohnen wir schon im selben Haus, aber erst jetzt finde ich heraus, dass sie Manuela heißt, Lehrerin ist und gerade eine schwäbische Flädlesuppe für ihre Kollegen zubereitet, die später zum Essen kommen. Die Anonymität im Haus stört sie genauso sehr wie mich. "Letztens fehlte mir eine Zwiebel zum Kochen, und ich wusste nicht, bei wem ich nach einer hätte fragen sollen", erzählt sie.
Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wie Autorin Aileen Tiedemann mit Facebook-Fragen mehr über Nachbarn erfährt und warum wir uns in Treppenfluren meist nicht einmal mehr trauen, "Hallo" zu sagen.
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